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Andere Länder, andere Wort-Wahl

erstellt am: 30.12.2010 | von: emagla | Kategorie(n): Wortwahl

Wörter des Jahres werden wohl oft erst nach langer Diskussion erkoren – und lösen ebenso oft neue Diskussionen auf. Der ‘Wutbürger’ der Gesellschaft für deutsche Sprache liefert beredtes Beispiel dafür. Was es in anderen Ländern so zum Wort des Jahres geschafft hat, ist jedoch auch nicht ohne.

‘Industriezubringer’ –ist es nicht im Gegensatz zum ‘Wutbürger’ gleichsam reine Poesie? Aus 400 Vorschlägen hat sich die liechtensteinische Jury dafür entschieden. Hintergrund: Im November 2010 hatte das liechtensteinische Parlament einen Verpflichtungskredit von 15 Mio. Franken (rund 12. Mio. Euro) für die Realisierung besagten Industriezubringers genehmigt – und damit heftige Proteste von Umweltverbänden und grün-alternativen Listen hervorgerufen. Wir treffen wieder auf den ‘Wutbürger’. Auch was faul im Binnenstaate?

Bei den Österreichern hat das ‘Fremdschämen’ Priorität. Offizielle Erklärung der ‘Forschungsstelle Österreichisches Deutsch am Zentrum für Plurilingualismus’: Dieses Wort beschreibt Empfindungen, die auftreten, wenn jemandem die Verhaltensweisen einer anderen (meist bekannten) Person oder Gruppe so peinlich sind, dass man sich für diese schämt, während dies bei der betreffenden Personen gerade nicht der Fall ist. Auch das wohl die Keimzelle des ‘Wutbürgers’? Fest steht – zum Fremdschämen gibt es auch bei uns genügend Anlass – ein Beispiel dafür haben wir bereits präsentiert.

In der Schweiz, in der Schweiz, in der Schweiz

Fremdscham kann auch bei der Schweizer Wahl des Wortes 2010 glühend heiß aufwallen: ‘Ausschaffung’, was wohl soviel heißt wie: Abschiebung. Zur Ehrenrettung der Schweizer Wortwähler sei gesagt, dass die Jury wohl – hoffentlich bedauernd – mitteilt, dass es lediglich einer einzelnen politischen Gruppierung gelänge, Themen zu setzen und neue Ausdrücke zu verankern. Verwirrend kommt hinzu, dass das Un-Wort des Jahres in der Schweiz FIFA-Ethikkommission lautet. Wo ist nun Wort, wo Unwort? Immerhin, FIFA und Ethik passen für die Schweizer ewig nicht zusammen: Das ist doch mal ein guter Ansatz!

Onder woorden bringen

In den Niederlanden geht es beim Wort des Jahres ebenfalls politisch zu: ‘Gedoogregering’ macht den ersten Platz und steht für die Minderheitenregierung aus Rechtsliberalen und Christdemokraten, die sich vom Rechtspopulist Wilders dulden lassen.

Fazit: Es gibt doch allüberall ganz guten Grund zur ‘Fremdscham’. Und angesichts der Worte, die es zur Nummer 1 gebracht haben, kann doch der ‘Weltbürger’ mit Fug und Recht auch mal zum ‘Wutbürger’ werden.

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