Ein wesentliches Merkmal des Stresstests scheint zu sein, dass er immer dann ausgeführt oder zumindest öffentlichkeitswirksam angekündigt wird, wenn eigentlich schon (fast) alles zu spät ist. Etwa, wenn halb Europa sich am Rande der Insolvenz entlang hangelt oder Polizei, Politik und unsere Wutbürger sich bereits unversöhnlich mit Wasserwerfern, Redemanuskripten und Parolen bewaffnet gegenüberstehen. Oder wenn die atomare Kernschmelze in Japan jeden Tag wahrscheinlicher wird.
Dann, ja, dann fangen wir an, zu prüfen, was das von Menschenhand Geschaffene so alles aushalten kann. Das Problem dabei ist allerdings, dass die Phantasie der Stresstester oft mit der faktischen Schaffenskraft von Natur und System nicht Schritt hält. Allzu viel wird dann doch eher im Trial-and-Error-Verfahren ermittelt und nicht vorher in (Computer-)Simulationen. Aber der Glauben bleibt trotzdem. Der Glauben, ein Stresstest könne die Risiken oder Kosten kalkulierbar machen.
Stress regiert uns – zumindest indirekt. Und übrigens: Im etymologischen Duden von 1963 (mein treuer Begleiter) fehlt das Wort ‘Stress’ gänzlich – welch gesegnete Zeit.



